Irak 2024/25

Irak 2024/2025

Autoren: Anke und Joachim

Datum: November 2024

Der Süden – Basra

Zwischen dem letzten Check Point der Grenze Iran – Irak, an dem wir noch Papiere abgeben haben und der dreispurigen Autobahn liegt noch ein 50 Meter langes, von den schweren LKWs völlig zerfurchtes Stück Wüste. So passend zur ganzen Grenzabfertigung des Irak. Jetzt aber Richtung Basra und nach einer halben Stunde Fahrt überqueren wir auf einer Brücke hoch über dem Shatt al-Arab (Fluss der aus Euphrat und Tigris entstanden ist und südlich von Basra ins Meer mündet) die Stadtgrenze und sehen schon auf der rechten Seite die Corniche. Eine breite Flaniermeile die sich am Wasser entlang zieht.

Das vorab gebuchte Hotel finden wir auf Anhieb, parken den ULG auf dem bewachten Hotelparkplatz, packen die wenigen Sachen ein, die wir für die eine Nacht benötigen und kommen nach einer Sicherheitsschleuse, in einer prachtvollen Lobby eines 5 Sterne Hotels an. Check-in ist schnell erledigt, mit dem Lift nach oben und dann aufs Zimmer. Schneller Blick ins Bad. Die Dusche sieht sehr gut aus. Jetzt, nach drei Wochen auf Reise, duschen wir lange und ausgiebig. Nicht dass wir im ULG nicht auch duschen, aber die Wasservorräte müssen wir schon einteilen. Kurzes Nickerchen und die Anspannung der Grenze fällt ab.

Zum Spätnachmittag laufen wir die paar Meter vom Hotel zur Corniche und mischen uns unter die Bewohner Basras. Ein schwer zu beschreibendes Gefühl von Freiheit kommt auf. Der Iran mit seinen so unglaublich herzlichen und offenen Menschen liegt hinter uns, aber auch ein schwer einzuschätzendes Regime, welches in den letzten Tagen seit dem Angriff Israels weiterhin Kriegsrhetorik verbreitet. Die flanierenden Menschen schauen etwas verstohlen zu uns herüber, hin und wieder ein kurzes Lächeln von Frauen und Mädchen Richtung Anke. Dann kommt es doch zu einem kurzen Gespräch. Was uns auch gleich auffällt. Die Frauen tragen Hidschab, einige wenige den Tschador und einige Frauen tragen gar keine Bedeckung der Haare. Auch dies für uns ein Zeichen von Freiheit und ohne eine staatliche Reglementierung wie im Iran. Nach Sonnenuntergang sind wir wieder im Hotel, nutzen nochmal die Dusche und treffen uns mit Thea und Nick im Roof Top Restaurant zum Abendessen. Die Aussicht auf die Stadt und die Brücke über den Shatt al-Arab ist toll und das arabische Essen grandios. Ein toller Abschluss eines aufregenden Tages.

Das Marsch-Land

Am kommenden Tag fahren wir mit den beiden Sprintern Richtung Norden. Wir wollen eine Bootsfahrt in den Sümpfen zwischen Euphrat und Tigris unternehmen, die mittlerweile auch UNESCO Weltkulturerbe sind. Durch Basra führt die Straße durch ein Viertel, in dem am Freitagmorgen Markt-Tag ist. Ein ganz anderes Bild von Basra, als an der neuen, doch sehr modernen Corniche in der Stadtmitte. Hier ist der Unterschied von Reich und Arm sehr groß, so etwas haben wir im Iran nicht gesehen. An der Stadtaußengrenze dann noch sehr einfach Behausungen, die uns an Slums erinnern.

Die Strecke ist mit 120 Kilometer nicht allzu weit. Von den vielen Check Points von Armee, Polizei, Nationalgarde und wer sonst noch eine Uniform trägt, hatten wir gelesen und von mitunter zeitraubenden Prozedere. Dass wir aber sieben Kontrollen passieren werden, überrascht uns dann doch. Wir halten an, wie alle anderen auch, werden dann zur Seite gewunken, Pässe und Visa werden geprüft und mitunter haben die Uniformträger einfach nur Neugier und wollen ins Auto schauen. Nun denn, wir haben es heute nicht eilig. Am frühen Nachmittag kommen wir am Mausoleum für die Märtyrer der Marsch-Araber an, wo wir über Nacht bleiben wollen. Hier beginnen die Bootstouren in die Sümpfe und kaum angekommen werden wir von den Bootsführern bestürmt und Joachim klärt gleich Fahrtdauer und Preis. So haben wir erstmal Ruhe, werden in den umzäunten Bereich des Mausoleums vorgelassen und parken die beiden Sprinter dort. Zu unserer Überraschung sind wir bei weitem nicht die einzigen, die hier eine Bootsfahrt machen wollen. Heute ist zudem Freitag und es herrscht richtig Betrieb auf dem Wasser. Viele Familien haben Picknick dabei, einige machen live Musik und so nimmt die Fahrt auf dem Wasser einen ganz anderen Charakter an, als gedacht. Wir Vier fallen als einzige nicht Iraker auf und so richtet sich die Aufmerksamkeit auf uns. Wir grüßen zurück, schreien Antworten in den Lärm der Außenborder und schauen vergnügt in die gezückten Smartphone Kameras der Iraker. Ursprünglich dachten wir, dass wir mehr oder weniger alleine durch die Kanäle der Sümpfe schippern und in Ruhe Vögel beobachten können. Aber auch gut so.

Zurück am Mausoleum wenden wir uns diesem zu. Erbaut als Gedenkstätte für die hier einst lebenden Marsch-Araber, die von Saddam Hussein verfolgt, vertrieben und auch getötet wurden. Sie hatten 1991 zum letzten Mal versucht sich gegen seine Herrschaft aufzulehnen und wurden fast ausgelöscht. Auch und vor allem durch die Zerstörung des riesigen Sumpfgebiets in dem sie Landwirtschaft betreiben konnten. Saddam Hussein ließ riesige Dämme errichten, die das Wasser von Euphrat und Tigris an den Sümpfen vorbeifließen ließ und so wurde die Lebensgrundlage zu 90% zerstört. Die Sümpfe trockneten aus und versalzten. Seit 2003 fließt wieder Wasser in das riesige Gebiet, aber bis die Natur sich regeneriert hat wird es noch Jahre dauern. Seit 2016 ist das Marschland zudem zum UNESCO Weltkulturerbe dazugekommen. Die Folgen der letzten 40 Jahre können wir sehen. Die Bewohner leben äußerts einfach, am Rande der Armut. Mitunter nur in Schilfhütten oder in ganz einfachen Ziegelhäusern. Die unglaublich vielen Kinder laufen mit zerschlissener Kleidung umher und nirgends ein Stück asphaltierte Fläche zwischen den Häusern. Dazu kommt der unglaublich viele Plastikmüll. Kein Fleckchen Erde auf dem nicht eine Plastikflasche oder Plastiktüte liegt.

Um 18:00 ist die Sonne untergangen, die Tagestouristen sind abgefahren und wir sehen einer ruhigen Nacht entgegen. Zwar kläffen ein paar Hunde in der Nacht, das war`s dann auch schon.

Grenze Irak – Kuwait

Nach einem kurzen Frühstück machen wir uns auf den Weg Richtung Kuwait. Da wir die Autobahn nehmen müssen wir nur wenige Check Points passieren und wir stellen fest, dass die Kontrollen, wenn Nick und Thea als erste ankommen deutlich schneller gehen. Es scheint, dass „Baba Nick“ hier als Senior mit 77 Jahren, bevorzugt behandelt wird. Anke und Joachim werden dann auch gleich mit durchgewunken. An Basra geht es auf guten Straßen zügig vorbei und so sind wir gegen 11:00 an der Grenze vom Irak nach Kuwait. Im Internet kursieren wilde Geschichten über die lange Abfertigungsdauer und so wappnen wir uns mit Geduld. War gar nicht nötig. Mithilfe eines Agenten sind wir Vier und die beiden Sprinter in einer Stunde ausgereist. Auch die Visaerteilung der Kuwaits geht flott. Allerdings werden Fingerabdrücke aller zehn Finger genommen gefolgt von einem Iris Augen Scan. Also weiter zum Zoll und hier brauchten wir dann die Geduld. So schlecht organisiert, so inkompetent. Wir können es kaum glauben und die Zöllner rauben uns fast den letzten Nerv. Es geht zwei Stunden von einem Büro ins nächste, viele Papiere werden ausfüllen. Daten in einen Computer eingegeben. Und als Abschluss müssen die Autos auch noch zum Röntgen fahren. Das Beste kommt aber zum Schluss. Kurz bevor wir die Grenzanlagen verlassen können, steht ein Uniformierter am Rand des Fahrwegs und auf der Uniformweste steht in Großbuchstaben: CHECKER. Der braucht noch den Durchschlag der Rechnung für das Autoröntgen. Soll er haben. Erleichtert nehmen wir die ersten Kilometer Kuwait auf einer vierspurigen Straße in Angriff und freuen uns hier zu sein.

Datum: März 2025

Grenze Jordanien – Federal Republik of Irak

Wie immer, wenn wir in ein neues Land reisen ist es spannend wie der Grenzübertritt klappt. Die Jordanier sind, wie praktische alle Grenzen im mittleren Osten, unübersichtlich organisiert. Wir laufen hierhin und dahin, aber unterm Strich sind wir in knapp einer Stunde ausgereist. Dann wie üblich etliche Kilometer durchs Niemandsland. Schlechte Straße, riesige Schlaglöcher, Stacheldraht bewehrte Zäune und Plastikmüll der sich in diesen verfängt. Nun wollen alle die hier fahren ja weiter. So kommen wir zur irakischen Grenze, bekommen das erste Papier ausgestellt, nach kurzem Blick ins Wohnmobil und werden zum Zoll Chef weiterverwiesen. Da wir im Monat Ramadan sind, haben alle Büros bis 16:00 geschlossen und so warten wir auch bis der Zoll Chef sein Gebet verrichtet hat. Dann begrüßt uns der freundliche Herr in seinem Büro, füttert seinen Computer mit unseren Daten und produziert ein gelbes Dokument für den weiteren Behördenweg. Danach bekommen wir einen jungen Mann an die Seite, der mit uns zusammen weitere Papiere und Stempel einholt. Die Büros sind ohne Hilfe auf dem riesigen Areal nicht zu finden. Dann wird es 18:00 und Fastenbrechen ist angesagt. Alle Büros schließen und wir wollen um 20:00 unsere Visa beantragen und in den Reisepass einkleben lassen. Pünktlich sind wir vor Ort, aber heute keine Visa mehr. Morgen in der Früh. Blöd da wir morgen gerne nach Bagdad fahren wollen. Aber nun gut. Wir parken den ULG am Rand der kleinen Einkaufsstraße, die es hier gibt und verbringen die Nacht an der Grenze.

Am nächsten Morgen dann die große Überraschung. Es gibt neue Einreisbestimmungen und ein Visum bei Ankunft gibt es nicht mehr – seit vorgestern, 1.3.2025. Ziemlich blöd. Nur noch Visa über das Internet. Saublöd, dass die Website nicht richtig funktioniert und das bezahlen auch nicht einwandfrei klappt. Wir verbringen Stunden damit die beiden Anträge und die beiden Zahlung abzuschließen. Mit den Antragsnummer können wir die Beamten überzeugen, uns nicht zurück nach Jordanien auszuweisen. Jetzt liegt es an ihrer Regierung in Bagdad. Um es kurz zu machen. Die Visa bekommen wir am folgenden Tag erteilt, allerdings erst am späten Nachmittag. Um diese Uhrzeit sind die Büros wie am Vortag geschlossen. So kommen wir um 18:00 wieder um das elektronische Visa als Aufkleber in den Reisepass zu bekommen. Davor noch Augen Iris Scan, ein weiteres Portraitfoto gemacht und zehn Fingerabrücke. Mit zweimal Stromunterbrechung dauert das 1,5 Stunden. Mittlerweile ist es Abend, die Sonne am Horizont verschwunden und wir verbringen unsere dritte Nacht im Zollhof.

Morgen wollen wir früh starten und raus hier. Raus aus dem Zollhof klappt auch, allerdings müssen wir den Security-Chef in seinem privaten Zimmer aufsuchen, damit er einen kleinen Zettel ausfüllt. Vor dem Gebäude muss dann noch ein anderer einen Stempel drauf machen, und nun können wir los. Endlich. Zu früh gefreut. Es kommen noch zwei weitere Check Points an denen alle Dokumente fotokopiert werden und zusätzlich vom aktuellen Schichtführer mit seinem privaten Smartphone abfotografiert werden. Das alles braucht nochmal 1,5 Stunden. Bürokratie aus Absurdistan.

Und jetzt folgt ja erste der richtig spannende Teil der Reise nach Bagdad. Die Eskorte durch das Militär entlang der Grenze zu Syrien, welches gut 100 Kilometer Luftlinie entfernt ist. Der Grund dafür ist, dass hier die Terroristen vom Islamischen Staat weite Gebiet besetzt hatten. Obwohl schon lange militärisch besiegt, wollen die Iraker dem Reisenden ein Gefühl von Sicherhit vermitteln und organisieren für die 500 Kilometer Stecke eine Kette von Eskorten. Die Iraker mit PKW und die vielen LKW fahren selbstverständlich ohne „militärischen“ Schutz die gleiche Strecke. So werden wir von einem Checkpoint zum nächsten eskortiert. Mal ein lumpiger Nissan Pickup, mal ein unendlich langsamer gepanzerter Humvee, zwischendurch können wir auch einige Kilometer ohne Eskorte fahren. Je näher wir Bagdad kommen werden die Fahrzeuge immer moderner und schneller und so fliegen wir zum Schluss einem Landcruiser mit aufgepflanzter Lafette und Soldat obendrauf mit 120km/h hinterher Richtung Bagdad. Die Soldaten alle freundlich und um uns besorgt und so nehmen wir es mit Gelassenheit, wenn wir mal etwas länger auf die Ablösung der Eskorte warten müssen. 60 Kilometer vor unserem Ziel hinter dem letzten Checkpoint erhalten wir unsere Reisepässe zurück und fahren ohne Eskorte in der angebrochenen Dunkelheit zu einem bewachten Parkplatz am Rand eines Vergnügungsparks in Bagdad.

Der Verkehr ist orientalisch, was uns nicht stört, nur die tiefe Dunkelheit in einer Millionenstadt ist ungewöhnlich. So werden wir Bagdad auch die nächsten Tage erleben. Nach Einbruch der Dunkelheit ist die Stadt kaum beleuchtet. Es gibt schlicht nicht genug Strom. Und das in einem Land mit riesigen Erdöl- und Gasvorkommen. Nach ziemlich genau 12 Stunden kommen wir um 21.30 an und stellen den ULG neben einem anderen Overlander aus Stuttgart ab. Wir werden von Sophie und Sebastian begrüßt und beschließen spontan morgen gemeinsam Bagdad zu besichtigen. Im nahe gelegenen Supermarkt, holen wir aus der Heisstheke noch lecker Hühnchen und Reis und fallen dann totmüde und glücklich ins Bett.

Bagdad

Am Morgen ist der Himmel Wolken verhangen und es soll auch regnen, dazu hat es nur 15 Grad und so steigen wir dick angezogen in das vorbestellet Taxi, das uns zum Nationalmuseum fährt. Auf dem Weg dorthin fahren wir ein Stück an der „Green Zone“ vorbei. Fünf Meter hohe Betonplatten die aussehen wie die ehemalige Berliner Mauer. Dahinter die Ministerien und der Regierungssitz mit Parlament. An allen Ecken und Enden stehen bewaffnete Militärs und wir können oft nicht erkennen was denn geschützt werden muss. Uns kommt Bagdad vor wie eine belagerte Stadt, die sich von ihren Einwohnern schützen muss.

Auch der Eingang zum Nationalmuseum ist mit schweren Betonpollern gesichert. Der Eingang auch bewacht und Personenkontrolle muss auch sein. Der Eintrittspreis ist happig: 18€ pro Person. Da das Museum keinen Weg durch die vielen Hallen, die sich auf zwei Stockwerke verteilen vorgibt, laufen wir einfach drauf los. Vieles findet sich auch in anderen Museen und haben wir schon „tausendfach“ gesehen. Keramik, Münzen, Glasware. Für Archäologen sicherlich spannend, für uns eher Vitrinen an denen wir vorbeigehen. Am Ende des unteren Stockwerks kommen dann aber die sensationellen Ausstellungsstücke. In der Assyrischen Halle, werden riesige Steinreliefe aus Niniveh bei Mosul ausgestellt, in der Hellasgalerie, die griechischen Statuen aus Hatra. In einer Abteilung finden wir dann den Löwen von Babylon und zwei originale Fliesenreliefe des Babylontores. Wir sind froh, schon früh im Museum zu sein, denn um 13:00 schließt das Museum. Mitarbeiter schalten einfach das Licht aus und bedeuten uns es wäre gleich 13:00 und damit Ende der Besuchszeit.

Museum macht hungrig, aber es ist ja Ramadan. Sebastian hatte Restaurants auf dem Weg vom Taxi aus gesehen, vor denen weiße Laken hängen. Wir vermuten, die Restaurants sind geöffnet und so laufen wir entlang einer größeren Einkaufsstraße und sehen in einer Nebenstraße Licht in einem Restaurant und weiße Laken davor. Wir schauen hinein und sind erstaunt. Voller Betrieb um die Mittagszeit. Wir Vier werden herzlich begrüßt und an einen Tisch gesetzt. Wir bestellen etwas, und bekommen dann den Tisch vorgestellt mit super leckerem Essen. Safranhühnchen, Okraschoten in Tomatensoße, weiße gekochte Bohnen, verschiedene Salate, Humus und Auberginen. Dazu noch einen Teller mit eingekochten Aprikosen, die herrlich zum Hühnchen schmecken. Wir sind noch nicht ganz fertig, da kommt ein junger Mann an unseren Tisch, bittet darum im Restaurant keinen Tee zu bestellen. Er wohne gegenüber und möchte uns zu sich nach Hause auf einen Tee einladen.

Die Einladung nehmen wir an und sind eine halbe Stunde später in einer 2er Männer WG gelandet. Das Gespräch dreht sich um den Irak, was wir so machen, wir die Reise ist, und uns interessiert was die beiden beruflich machen. Film und Kunst. Kein leichtes Brot im Irak, aber die beiden scheinen zufrieden zu sein. Interessant der Einblick in so ein Leben, obwohl sie mit ihrem „Scheiß Irak Reisepaß“ nirgendwo ein Visa zum kulturellen Austausch erhalten.

So landen wir nach zwei Stunden wieder auf der Straße und wollen kurz vor Sonnenuntergang noch in die Bazarstraße Al Raschid. Ein Taxi bringt uns hin. Dort allerdings sind alle Geschäfte geschlossen, kein Mensch auf der Straße, nur die Polizei steht an den Kreuzungen. Und es ist dunkel, richtig dunkel. Nach 200 Meter drehen wir um, gehen zurück zur Polizei und warten in deren Nähe auf ein Taxi zurück zum ULG. Unser erster Tag in Bagdad hat uns umgehauen. So viele Eindrücke, so viele neue Erfahrung und Menschen getroffen. Noch schnell duschen um den Benzin-, Diesel- und Industriegestank, der über Bagdad liegt abzuspülen, um dann Hundemüde einzuschlafen.

Der nächste Morgen verheißt besseres Wetter. Die Regenwolken sind verschwunden und die Sonne scheint. Macht unseren Übernachtungsplatz allerdings auch nicht schöner. Mit dem Taxi in die Stadt und direkt zum Abbasid Palast am Ufer des Tigris. Dort wieder die üblichen, völlig daneben liegenden 18€ pro Person Eintritt bezahlt. Im Hof vor dem Eingang treffen wir irakische Studenten die hier einen Film drehen und zwar wird Hamlet von Shakespeare verfilmt. Wie das? Sie sind Englisch Studenten und so plaudern wir ganz nett. Der Palast erweist sich eher als Koran Schule oder Karawanserei. All zu viel zu sehen gibt es nicht, außer dem reinen Gebäude. Im Inneren treffen wir auf zwei Irakerinnen, die mit dem Studium zu Ende sind und für ihr Abschiedsbuch noch Fotos machen.

Danach machen wir uns auf den Weg zur Al Rashid Straße. Was ein Unterschied zu gestern Abend. Die Gehsteige quellen über vor Waren. Die Straße ein einziger Stau aus Autos, Motorrädern, Handkarren und Kleinlastern die Waren abladen oder aufladen. Auch die gestern so gespenstisch wirkenden kleinen Gassen die links und rechts abgehen, sind belebt. Wir lassen uns treiben und kommen an einer Teestube vorbei, für die der Ramadan wohl nicht gilt. Wir nehmen Platz und schlürfen den heißen süßen Tee. Allein ist man ja nie und so nimmt ein Ringverkäufer neben Joachim Platz und preist die Ware an. Kein Bedarf. Um die Mittagszeit kommen wir an einem Falafelstand vorbei, der notdürftig mit einem weißen Laken verhangen ist. Es mutet eher wie kostenlose Werbung an. Der Mann, der die Falafel, fritierte Auberginen, Salat und Pommes ins Brötchen stopf kommt kaum hinterher und die Männer schlingen in Rekordzeit das Sandwich hinunter. Wir machen langsam und schauen dem Treiben zu. So geht Ramadan in Bagdad.

Am Nachmittag nehmen wir ein Taxi weit hinaus aus der Innenstadt zur Imam al-Kazim und Imam al-Jawad Moschee. Eine von mehreren Moscheen im Irak in denen einer, bzw. zwei, der zwölf Imame der Schiiten gegraben liegt. Das ganze Areal ist weiträumig mit einer Mauer umgeben und um zum Moscheeeingang zu gelangen, müssen wir zwei Sicherheitsschleusen passieren. An der dritten und letzten Schleuse muss Joachim die Powerbank abgeben und Anke erhält eine schwarze Abay für den Eintritt. Dann trennen sich die Wege. Anke nimmt den Fraueneingang und Joachim geht rechts zu den Männern, die auch den Haupteingang nutzen. Das in Gold gefasste Eingangsportal zur Moschee leuchtet am Nachmittag wunderbar. Der Weg zum Schrein der beiden Imame ist mit Teppichen ausgelegt und die Wände und Decken sind mit kleinen Spiegeln belegt, so dass das Innere glitzert und funkelt. Der Schrein selbst ist mit einem Gitter umfasst, das jeder Besucher mit der Hand umklammert, sich so festhalten kann um nicht von den nachschiebenden Besuchern weitergeschoben zu werden. Festgeklammert werden wohl Gebete gesprochen, und sobald das beendet ist, wird der Platz direkt am Schrein freigegeben. Alles in allem eine doch friedliche und spirituelle Atmosphäre. In den Umgängen um den Schrein herum verweilen die Männer. Manche lesen im Koran, andere beten Richtung Mekka und einige liegen auch ruhig in einer Ecke und schlafen. Nach einer guten halben Stunde treffen wir uns wieder und Anke hat Tränen in den Augen. Wie das? Die Atmosphäre war wohl so persönlich und herzlich zwischen ihr und den Besucherinnen, dass Anke die Tränen kamen und den Frauen dann auch. Mit dem Resultat dass eine Irakerin feststellte, der Imam hätte sie emotional so berührt, dass für die weitere Reise alles gut werden würde.

Das Taxi zurück braucht knapp eine Stunde durch viele Stadteile von Bagdad. Wir können außer Schmutz, viel Bauschutt, verlassenen Häusern, viel zu vielem Müll und immer wieder das viele Militär und Polizei, keine Ecke entdecken, in der Bagdad schön oder attraktiv wäre.

Babylon

Nach zwei unglaublich intensiven Tagen in Bagdad, ist unser nächstes Ziel Babylon. Doch zuvor füllen wir noch 85 Liter Diesel aus Jordanien um. Der Diesel im Irak ist für unseren Euro6 Motor und die Dieselheizung im Sprinter einfach zu schlecht und wir wollen kein Risiko eingehen auf der Strecke liegen zu bleiben. Eine schöne Sauerei mit etwas daneben verläppertem Diesel. Die Plastikfässer sind einfach nicht dafür gedacht, um Flüssigkeit direkt daraus zu gießen. Mit vollem Tank geht es los und da wir schon im Süden von Bagdad sind ist die Auffahrt auf die Autobahn nicht weit und so geht es zügig nach Süden. Bis der Regen einsetzt und immer heftiger wird. Recht schnell stehen weite Landstriche neben der Autobahn unter Wasser. Die vorhandenen Gräben können die Wassermassen nicht ableiten. Bis zum Meer sind es nur 30 Höhenmeter bei gut 500 Kilometer Distanz.

In Babylon angekommen weist uns der Wächter einen Platz direkt neben seinem Häuschen zu, wo wir über Nacht stehen können. Den regnerischen Nachmittag verbringen wir gemütlich bei Tee und Kaffee und einem ausgiebigen Mittagsschläfchen. Der Wetterbericht hat Wort gehalten. Der Regen hörte in der Nacht auf und am Morgen scheint die Sonne. Bestes Wetter um die historische Stätte zu besuchen. Auch hier 18€ pro Person Eintritt, dann können wir bis zum Ishtar Gate fahren und den ULG abstellen. Die Kopie des Eingangstors ist wirklich schlecht gemacht. Nur aus der Distanz einiger Meter wirkt das Portal. Das Original steht im Pergamonmuseum in Berlin. Dazu kommt noch, dass dieses Tor hier auch noch am historisch falschen Platz steht. Hinter dem Tor kommen wir als erstes an die wuchtigen Mauern des Palastes von Nebukadnezar. Auf den Fragmenten des Originals hat Saddam Hussein eine Art Wiederaufbau in Auftrag gegeben und dabei verfügt, dass einige Ziegel mit seinem Namen versehen werden. Manche Ziegel wurden von Souvenirjäger aber herausgebrochen. Die Arbeit war allerdings wohl nur auf Eindruck ausgerichtet, da etliche Mauern schon wieder Risse und verrottete Ziegel zeigen. Saddam Hussein wollte es halt schön haben, wenn er von seinem Palast, der hinter der historischen Stätte auf einem Hügel liegt über das Land und die Palastmauern blickt. Wir laufen entlang der Prozession Straße und sehen an deren Anfang den tatsächlichen Standort des Ishtar Tores. Allerdings gibt uns die aktuelle Restaurierung auch Rätsel auf, da recht viel Zement zum Einsatz kommt. Ein weiterer Palast ist leider wegen Restaurierung geschlossen und so laufen wir ans aktuelle Ende des Geländes um den Löwen aus Granit zu besuchen. Leider fehlt dessen Gesicht und die Person die unter ihm liegt gibt auch Rätsel auf. Auf dem Weg zurück zum Eingang wird uns klar, wie groß das Areal ist und was alles noch ausgegraben und restauriert werden könnte. Arbeit für Generationen von Architekten und Archäologen.

Kerbala

Um zu einer der beiden wichtigsten heiligen Stätten der Schiiten, die die Hälfte der Bevölkerung im Irak stellt, zu kommen ist es nicht weit. Kerbala liegt nur 60 Kilometer weiter im Westen und so kommen wir am frühen Nachmittag dort an. Steuern durch die etwas schmalen Straßen einen vorab ins Auge gefassten Parkplatz an, an dem wir dann auch über Nacht stehen können. Praktisch mitten in der Stadt, kurz vor den Checkpoints zu den Moscheen, aber alles andere als schön. Bevor wir losgehen, legt Anke noch ihre schwarze Abaya an, schiebt alle Haare unter ein Stirnband und darüber dann der schwarze Schleier. Joachim kann gehen wie er will. Die Personenkontrollen auf dem Weg zu den beiden Moscheen sind ruppig und unfreundlich. Solches Verhalten kennen wir bis dahin gar nicht von den Irakern. Die beiden Moscheen sind durch eine Fußgängerzone miteinander verbunden auf der die Pilger hin und her pendeln. Es werden Fotos gemacht oder man lässt sich von Profi Fotografen ins rechte Licht setzen. Alle gehen gemütlich, keiner hats eilig von einer Moschee in die andere zu kommen. Das ändert sich schlagartig je näher die Pilger den für sie heiligen Schreinen der Imame Hossein und al-Abbas kommen. Dort wird geschoben und gedrängelt und dazu stehen noch „Aufpasser“ rum, die mit grün eingefärbten Straußenfedern rumwedeln und so die Pilger zum Weitergehen treiben. Eine andächtig religiöse Stimmung kommt so nicht auf. Aufgrund der in die Millionen gehenden Pilger, die hier jährlich herkommen sind die Moscheen unglaublich groß, was ebenfalls nicht dazu beiträgt eine für die heiligsten Stätte der Schiiten adäquate Stimmung aufkommen zu lassen. Zumindest empfinden wir es so.

Da wir mit unseren Dieselvorräten zwar nicht sparen müssen, aber auch nicht übermäßig verschwenderische umgehen wollen, fahren wir nach Norden, Richtung autonome Region Kurdistan. Durch den vielen Regen der letzten Tage sind Teile der Autobahn überflutet und nicht passierbar. Wir folgen über Ausweichstrecken den anderen Fahrzeugen, doch auch diese Straßen sind mit Dreck und Schlamm verschmutzt. Auch Teile von Bagdad stehen unter Wasser: Häuser, Straßen, Industriegebiete. Wir wollen gar nicht wissen, was da alles in der Brühe schwimmt. Nördlich von Bagdad hat es weniger geregnet und wir kommen ganz gut voran. Immer aufgehalten von den Security Check Points. Zu finden an Kreuzungen, Brücken, Stadteinfahrten oder einfach mitten drin. Da wir auf der westlichsten Straße unterwegs sind und dieses Gebiet bis 2015 vom Islamischen Staat besetzt war, erklären sich auch die vielen Kontrollstellen. Wir werden fast jedes Mal rechts ran gewunken, unsere Pässe angeschaut und nach wenigen Minuten können wir weiterfahren. Es sind so viele Kontrollstellen, dass wir gar nicht mehr mitzählen. Bei Tikrit, dem Geburtsort von Saddam Hussein überqueren wir den Tigris. Vom ULG aus können wir die Kriegszerstörten Paläste und Kasernen sehen. Von hier wurde der Islamische Staat erst 2016 vertrieben. Seither besteht die Sorge, dass es ein Wiederaufflammen geben könnte und so ist ein riesiger Landstrich mit Militärposten überzogen. Alle in Sichtweite zueinander und auf den Ebenen Spinnennetzartig verteilt. Für uns ist der Anblick mitweilerweile zur Gewohnheit geworden, aber die Gedanken an Krieg, Tot und Vertreibung bleiben mal mehr mal weniger präsent.

Die Fahrt ändert sich erst als am Horizont die ersten Hügel Kurdistans auftauchen und wir kurz darauf an einem großen Checkpoint ankommen über dem die Kurdische Flagge weht. Hier reisen wir nochmal „richtig“ ein, unsere Daten werden in einen Computer eingegeben, die Pässe gescannt. Das wars. Kurzer Check des ULG, dann heißt es „Welcome to Kurdistan“.

Autonome Region Kurdistan

Erbil

Hinter der Grenze ändert sich so einiges. Die Straße ist besser ausgebaut, Häuser und Hofeinfahrten machen einen gepflegteren Eindruck. Hier und da steht eine kleine Fabrik neben der Straße. Nach einer knappen Stunde erreichen wir die Ausläufer von Erbil, der Hauptstadt der autonomen Teilrepublik Kurdistan. Wir sind erstaunt. Schicke Hochhäuser entlang der Einfallstraße, ein sehr moderner Fuhrpark und an den Ampeln wird bei Rot tatsächlich auch angehalten.

Unser erster Stopp, bzw. Ziel: „The German Bottle-Shop“. Leider im Ramadan erst abends geöffnet. Das Geschäft daneben ein tolles Café und die Besitzerin lädt uns spontan ein, mit ihr einen Kaffee und eine Tasse Tee zu trinken. Wir sitzen gute eine Stunde beieinander und unterhalten uns über die verschiedenen Lebenswege. Zum Schluss gibt sie uns den Tipp im christlichen Viertel von Erbil nach einem geöffneten Alkoholgeschäft zu schauen. Gesagt getan, aber auch hier alles geschlossen. Wir fragen in einem Geschäft für Tabakwaren nach und treffen dort auf einen Jesiden auf Heimaturlaub der in Gütersloh sein Geld mit Gabelstapler fahren verdient. Er lotst Joachim über verschiedene Hinterhöfe in ein Alkoholgeschäft mit herrlicher Auswahl. Schnell sind ein paar Flaschen Wein ausgesucht und in einem unauffälligen Karton zum ULG getragen.

Jetzt noch zum anvisierten Parkplatz am Shanadar Park, wo wir auch die nächsten Tage ruhig stehen können. Die beiden kommenden Tage sind eine Zwangspause mit Magendarm Grippe. Besonders Joachim hat es erwischt. So verschieben wir die Stadtbesichtigung von Erbil erst einmal.

Am dritten Tag wieder fit und zudem scheint noch die Sonne. Die kurze Strecke mit dem Taxi zur Zitadelle, die leider wegen Renovierungsarbeit geschlossen ist. Vom Haupteingang der Zitadelle können wir allerdings auf den vorgelagerten Platz schauen und das Treiben an den Ein- und Ausgängen des Bazars beobachten. Leider sind alle schönen Teehäuser geschlossen, sonst würden wir jetzt an einem Tischchen Platz nehmen und in der Sonne dem Treiben zuschauen. Im Bazar herrscht dagegen normales Leben. Ein orientalischer Bazar in dem Alles und Nichts angeboten. Schuhe, Haushaltswaren, Gemüse, Unterwäsche, Lebensmittel. Was uns wundert sind die Goldgeschäfte, die ihre Armbänder und Ketten nicht hinter Glas anbieten, sondern direkt am Gang. Bis uns klar wird, dass es sich um Modeschmuck handelt. Nicht alle Kurden verfügen offensichtlich über genügend finanzielle Mittel, um echten Goldschmuck kaufen zu können. Beim weitergehen kommen wir dann auch an den Geschäften mit echtem Goldschmuck vorbei – hinter Glas.

Was wir uns auch noch anschauen wollen, ist die 2007 fertiggestellte „Große Moschee“ Jalil Khayat. Von außen im osmanischen Stil gebaut, gefällt sie uns sehr. Wir gehen in den Innenhof und haben Glück, dass der Moschee Wächter uns entdeckt und eine Seitentüre aufschließt, sodass wir auch den Innenraum besuchen können. Mit einigen Metern Abstand von den Säulen und Mauern wirkt das Innere doch faszinierend. Obwohl es sich ausschließlich um Malerei handelt und nicht um Einlegearbeiten, wie wir sie schon oft in den letzten Monaten gesehen haben. Kurdistan ist eben ein Land im Aufbau, und die Regierung hat wohl entschieden, dass es keine Prunk- und Protz-Moschee sein muss.

Die Bergwelt Kurdistans

Nach soviel Wüste in den letzten Monaten freuen wir uns auf Berge und Flüsse und Schluchten. Von allem hat Kurdistan reichlich. Wir fahren eine große Schleife Richtung iranische Grenze und bestaunen die verschneiten Bergspitzen. Allerdings ist die Natur noch nicht im Frühling angekommen und so sind die Felder, Wiesen und Bäume noch im Winterschlaf. Je weiter wir Richtung Türkei fahren, wird die Natur aber grüner und die ersten Obstbäume blühen.

Inmitten der Bergwelt liegt der Ort Lalish. Für die Religionsgemeinschaft der Jesiden, eine von mehreren Minderheiten im Irak und Syrien, ihre heiligste Stätte. Wir hatten im Vorfeld viel darüber gelesen und sind gespannt. Betreten werden darf die Stätte nur barfuß oder mit Socken. Die Gräber der jeweiligen verstorbenen spirituellen Führer liegen zu beiden Seiten des kleinen Tals an den Bergflanken. Die Grabkammern sind schlicht mit einem einfach gemauerten Grab. Kein Schmuck, keine Bilder, keine Verzierung. Nur der nackte Stein. Am Grab des Religionsstifters liegen ein paar bunte Tücher. Für die heiligste Stätte einer Religionsgemeinschaft fehlt uns hier die Spiritualität. Was auffällt, sind die vielen Abbildungen von Pfauen in allen Variationen. Der Pfau ist das Symbol eines der Sieben Erzengel, Melek Taus, der über den anderen Engeln steht, wegen seiner Schönheit. Für die Jesiden ein Vermittler zwischen dem Schöpfer und den Erdenwesen.

Wir machen uns gerade fertig zum Weiterfahren, da spricht uns Michael an. Er ist Jeside und in Deutschland geboren und managt eine privat geführte deutsche Schule (www.ourbridge.de) im Ort Khanke. Die Schule liegt in unmittelbarer Nachbarschaft des größten Flüchtlingslagers der Jesiden in Kurdistan. Dort leben 30.000 Menschen in Zelten und Containern eng aufeinander. Er lädt uns ein die Schule zu besuchen, was wir am folgenden Tag auch machen. Gegen 16:00 erreichen wir nach einer weiteren wundervollen Fahrt durch die kurdische Bergwelt auch die Schule. Dort werden wir von der Schulleiterin in Empfang genommen und sie zeigt uns die Schule. Schulunterricht erhalten rund 300 Kinder, laut Aussage von Michael alles Waisen oder Halbwaisen die ihre Eltern beim Überfall des Islamischen Staats (IS) auf das Sindjar Gebirge 2014 verloren haben. Wir sitzen eine halbe Stunde mit im Englisch Unterricht und gegen Ende der Stunde erzählt dann Joachim ein bisschen von der Reise und über uns und wie wichtig die englische Sprache ist. Die Kinder hören aufmerksam zu, obwohl es die letzte Stunde des Tages ist. Nach Schulschluss toben alle nochmal über den Schulhof, bevor sie mit kleinen Bussen ins Flüchtlingslager zurückgefahren werden. Wir verbringen eine ruhige Nacht auf dem verlassenen Schulhof.

Unsere letzte große Grenze steht an. Die Ausreise aus dem Irak und die Einreise in die Türkei. Und wie schon bei der Einreise, ein letztes Kapitel aus Absurdistan. Die Ausreise läuft recht zügig, alle Stempel sind erteilt, da zuckt die Passbeamtin und gibt Joachims Reisepass einem Mitarbeiter der uns bedeutet ihm zu folgen. Wir werden in ein Büro gesetzt, ein netter Herr hinter zwei Bildschirmen gibt etliche Daten ein und bedeutet uns, dass die Ausreise des Fahrzeugs Probleme aufwirft. Soweit wir folgen können, muss irgendeine Stelle in Bagdad die Daten abgleichen und den Reisepass freigeben. „Please, waiting for Bagdad“. Na super. Wir warten 45 Minuten, dann klingelt das Telefon, der Herr spricht wohl mit Bagdad, legt den Hörer auf, lächelt uns an und sagt: „Now you can go“.

So verlassen wir Arabien, stehen ein paar hundert Meter weiter an der türkischen Grenze und reisen dort in 20 Minuten ein und machen uns nun an die Heimreise.